Wir
wollen es wissen!
Information und Kommunikation von und für Frauen
Christina Buder
Im Dezember findet
in Genf der UNO-Weltgipfel zur Informationsgesellschaft (WSIS) statt.
Die Regierungen und Telekommunternehmen werden über Technologiepolitik,
technische Infrastruktur und e-commerce verhandeln. Die Zivilgesellschaft
will aber nicht nur technische und marktorientierte Aspekte behandelt
wissen, für sie haben die Informations- und Kommunikationstechnologien
(ICTs) auch eine gesellschafts- und entwicklungspolitische Relevanz. Über
die Bedeutung von Information für Frauen des Südens im Folgenden ein Überblick.
Früher hieß es "Wissen ist Macht", heute wird
es "Information ist Empowerment" genannt und beide meinen, dass Bildung
eine wichtige Humanressource für persönliche und gesellschaftliche Entwicklung
ist. Information und Wissen ist zwischen Männern und Frauen, Nord und
Süd sowie Stadt und Land ungerecht verteilt, es gibt die Informationsreichen
und Informationsarmen und je nachdem auf welcher Seite sich frau/man befindet,
gibt es ein unterschiedliches Maß an Einkommen, Nahrungssicherheit, politischer
Partizipation, Menschenrechten, Lebenserwartung oder Macht. Frauen sind
aufgrund ihrer diskriminierten Stellung in den Gesellschaften oft von
Bildung, Forschung und Zugang zu ICTs ausgeschlossen, sei es, weil sie
Analphabetinnen sind, zu hoher Arbeitsbelastung ausgesetzt sind, kaum
ein eignes Budget haben oder vom öffentlichen Leben ferngehalten werden.
Ihre Informationsbedürfnisse sind jedoch gerade deswegen enorm. Frauen
brauchen Informationen, um ihr Leben selbstbestimmt und in Würde führen
zu können. Sie wollen wissen, mit welchen Anbautechniken ihre Felder mehr
Ertrag bringen, mit welchen Methoden sie die Empfängnis kontrollieren
können, welchen Anspruch sie auf das Erbe ihres Mannes haben oder wie
sich ihre Produkte besser vermarkten lassen und was gegen Malaria hilft.
Aber sie wollen auch wissen, welche Frauenrechte in der Aktionsplattform
von Peking festgeschrieben wurden oder wie sie sich vor männlicher Gewalt
schützen können. Es ist vor allem die Kenntnis der Rechte, die sie befähigen,
sich an Politik zu beteiligen oder eine Kampagne gegen Menschenrechtsverletzungen
zu initiieren.
Wie kommt frau zu Information?
Es gibt verschiedene Methoden, Antworten auf
diese Fragen zu bekommen. Eine der wichtigsten ist die Schulbildung, das
Lesen und Schreiben, aber zwei Drittel der weltweit 855 Mill. AnalphabetInnen
sind Frauen. Traditionelle Kommunikationswege sind daher eine wichtige
Quelle für den Informationsaustausch. Das können traditionelle Frauenzusammenschlüsse
in Afrika sein, bei denen die Alten die Jungen unter einem Baobab-Baum
in die Geheimnisse der Ehe einweihen oder ihnen kulturelle und religiöse
Werte weitergeben. Das Straßen- oder Puppentheater erfüllt ähnliche Funktionen
und wird auch zur politischen Bewusstseinsbildung eingesetzt. Bei Gesundheitskampagnen
verwenden die Trainerinnen oft Schautafeln und Modelle. Das Radio, als
das billigste Massenmedium, hat etwa in Afrika mit 60% oder 20 Geräten
auf 100 Personen die höchste Reichweite und ermöglicht, Information auch
in Lokalsprachen zu übermitteln. In Kenia ist für 53% der befragten Frauen
das Radio die wichtigste Informationsquelle.1 Die Frauenradios FIRE aus
Costa Rica oder Mama FM aus Uganda betonen die feministischen Aspekte
dieses leicht zugänglichen Mediums, indem sie herausstreichen, dass die
Stimme der Frauen im wahrsten Sinne des Wortes hörbar wird und sich Frauen
so am besten gegenseitig unterstützen können. In Radioklubs diskutieren
die Frauen das Gehörte und tragen es an andere weiter. Ein ebenfalls gern
eingesetztes Medium ist das Video. Leicht zu bedienen, ermöglicht es Frauen,
ihre Lebensrealität zu dokumentieren, und sie lernen dabei, sich selbst
wichtig zu nehmen. Frauenpolitische Aktivistinnen nutzen Videos etwa,
um die Bedeutung von Frauenorganisationen für die Verbesserung der Lebenssituation
zu vermitteln. Presse und Bücher sind in den meisten Ländern zu teuer,
um eine weitere Verbreitung zu finden. Kritisiert wird, dass Journalisten
diskriminierende Frauenbilder verbreiten und weder über noch für Frauen
berichten. Ihnen wird wenig aufklärerisches Potenzial zugetraut. Ähnlich
ist es mit dem Fernsehen, wobei in Afrika 6,7 Geräte auf 100 Personen
kommen.2 Fernseher stehen oft im Wirtshaus, kein Ort, wo eine anständige
Frau hingehen würde, und auch die Überhäufung mit Sex and Crime wird von
vielen Frauen als diskriminierend empfunden. In Zukunft könnten sich aber
auch hier sinnvolle Anwendungen durchsetzen. So beginnt SEWA, eine indische
Frauenorganisation für Frauen aus dem informellen Sektor, Satellitenfernsehen
für interaktive Lernprogramme einzusetzen. Bei mehreren hunderttausend
Mitfrauen auf dem Subkontinent eine sinnvolle Lösung.
Informations- und Kommunikationstechnologien
Die neuen ICTs - wobei speziell E-Mail und
Internet gemeint sind - verbessern die Informationsverbreitung. Sie sind
ein weiteres Medium, mit dem Frauen relevante Daten (ver)teilen. Der Zugang
zu diesen Technologien kann für Frauen eine Stärkung bedeuten und sie
unterstützen, am wirtschaftlichen, sozialen und politischen Leben zu partizipieren.
Sie können aber auch bestehende Geschlechterungleichheiten zementieren
und bereits benachteiligte Regionen weiter marginalisieren. In einer globalisierten
Ökonomie, in der Informationsdienstleistungen zum zentralen Wirtschaftsfaktor
werden, ist es besonders wichtig, den Anschluss nicht zu verlieren. Aber
die Schere tut sich weiter auf, zu viele Voraussetzungen sind nötig, um
Zugang zu ICTs zu erhalten und sie sinnvoll zu nutzen: technische Infrastruktur,
Geld und Zeit, Vorkenntnisse und Training, aktuelle und anwendbare Inhalte
und das Zutrauen, dass Frauen auch mit Technik umgehen können. V.a. Frauen
aus ländlichen Regionen fehlen diese Möglichkeiten. Nur 2% der Weltbevölkerung
sind ans Internet angeschlossen und die meisten haben noch nie einen Telefonanruf
getätigt. In den USA kostet der Anschluss ans WWW 1% des durchschnittlichen
Monatseinkommens, in Uganda hingegen mindestens 100%. In China sind nur
7% und in Südafrika 17% der Nutzerinnen weiblich.3 Der Zugang zu Information
und ICTs darf aber nicht von der wirtschaftlichen Potenz oder dem Geschlecht
abhängen, denn das Recht auf Information ist ein Menschenrecht, das in
Artikel 19 der Menschenrechtskonvention von 1948 festgeschrieben ist.
Frauen haben dieses Recht auch für sich erkämpft und die Forderung nach
der Schließung des Digital Gaps ist in wichtigen Abkommen auch verbrieft4.
Ob es auf dem WSIS entsprechend eingebracht werden kann, hängt nicht zuletzt
vom Lobbying internationaler Frauenbewegungen ab.
Frauenorganisationen und ICTs
Für die Frauenbewegungen sind ICTs ein willkommenes
Medium, um sich international zu vernetzen, Informationen auszutauschen,
Lobbying zu betreiben und die Frauen des Südens sichtbar zu machen. Es
ist ein demokratisches und partizipatives Medium, das auch lokale und
besonders aktionsorientierte Informationen zur internationalen Verbreitung
bringen kann. Frauen bilden sich fort und organisieren internationale
Kampagnen. Frauenorganisationen haben als Multiplikatorinnen eine zentrale
Rolle bei der Anbindung von Frauen ans WWW: Sie haben die technische Ausstattung,
bieten Trainings an und stellen Inhalte bereit. Um Basisfrauen zu erreichen,
sei die direkte Kommunikation - laut einer Studie von 1999 unter Frauenorganisationen
im anglophonen Afrika5 - immer noch am erfolgreichsten, gefolgt von Radio,
Telekommunikation, Post, E-Mail und zuletzt Internet. Eine Studie von
ISIS International Manila6 untersuchte, wie Frauenorganisationen in Asien
ICTs nutzen und stellte fest, dass es auch hier bereits eine Hierarchisierung
gibt. Aber selbst die Elite der gutausgestatteten NGOs verwendet v.a.
E-Mail für Korrespondenz und Verwaltung, viel zu selten wird das Internet
für Beratung, Diskussion, Lobbying und Advocacy genutzt. Frauen außerhalb
der Ballungsräume werden damit selten erreicht. NGOs mit Internet-Auftritt
werden als Partnerinnen wahrgenommen, kommen leichter an Fördertöpfe und
sind aktiver in der internationalen Vernetzung. Frauenbewegungen des Südens
wurden durch das Internet international sichtbar. Solange es Frauenorganisationen
aber nicht gelingt, ihre Informationen an die Basis weiterzugeben, können
sie ihre Funktion als Agentinnen des sozialen Wandels nicht erfüllen.
Anmerkungen:
1 feminist_spaces : Frauen im Netz. Hg. von
Heinrich-Böll-Stiftung (Königstein/Taunus 2002) S.54, 68.
2 Ebda. S.68.
3 O'Farrell, Claire; Treinen, Sophie: FAO, Gender and ICTs. Hg. von FAO
(COAIM Side Event on Gender and Agricultural Information Management, 24.9.2002)
S.2.
4 Aktionsplattform der 4. Weltfrauenkonferenz 1995 Sektion J, Abschlussdokument
der Peking +5 Konferenz (2000) sowie in jenen der Welternährungsgipfeln
der FAO (1996, 2002). In den Zielen des Millenniums-Gipfels (2002) ist
es als wichtiges Mittel zur Armutsbekämpfung angeführt.
5 From Beijing to Beijing+5 : African women take over ICTs. APC Women's
Program - 1999 (www.enda.sn/synfev/apcgemafr/beijabeij+5.html (30.1.2003).
6 NGO_Women@asia.net. Hg. von Isis International Manila (Quezon City 2002).
In: Frauensolidarität 83(1/2003) S.6f.
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