Another world on her way
Bericht vom ersten Asian Social Forum (ASF) 2003


Helga Neumayer

20.000 Menschen trafen vom 2. bis 7. Jänner 2003 in Hyderabad zum ersten asiatischen Regionaltreffen des World Social Forums (WSF) zusammen, um in mehr als 400 Veranstaltungen Strategien und Lösungen gegen lebensfeindliche Globalisierung auszutauschen. Unter den vielen anwesenden Grassroot-AktivistInnen wie unter den führenden OrganisatorInnen waren Frauen stark präsent.

Die Wahl des Ortes Hyderabad erfolgte aus verschiedenen Gründen: Der milde und trockene subtropische Winter des südlichen Zentralindiens erlaubt es, eine große Zahl mittelloser Menschen einfach zu beherbergen, und die Anmietung vieler teurer, geschlossener Räume ist nicht notwendig. 50% der 4,3 Mill. BewohnerInnen Hyderabads sind MuslimInnen (in ganz Indien leben mehr als 110 Mill. MuslimInnen), umgeben vom Bundesstaat Andhra Pradesh, der zu 95% von Hindus und daneben von indigener Bevölkerung, den Adivasis, bewohnt wird. Mit Hitec-City beherbergt die Stadt zudem einen der modernsten Software-Standorte unserer globalisierten Welt. Im Gegensatz dazu steht das umgebende ländliche Andhra Pradesh, wo die AnalphabetInnenrate 55% beträgt und wo Bäuerinnen und Bauern nicht nur an einer langen Trockenheit und fehlender Bewässerung leiden, sondern wo zudem viele dem Druck der Verschuldung an Saatgut-, Dünge- und Insektenvertilgungsmitteln aus transnationalen Konzernen nur mehr durch Selbstmord entkommen.

Schon unter den west- und ostasiatischen EröffnungrednerInnen wurde die Machbarkeit einer anderen, gerechteren Welt unter Einbeziehung von Menschen- und Landrechten, mit einer kontrollierten Ökonomie, konsequentem Wiederstand gegen religiösen Fundamentalismus, Militarisierung und Imperialismus angesprochen. Rhetorischer Höhepunkt der Eröffnung war Medha Patkar, langjährige Aktivistin gegen die zentralindischen Narmdastaudamm-Projekte. Sie rief dazu auf, Liberalisierung, Privatisierung und Globalisierung zu bekämpfen und gleichzeitig gegen kommunalistische Fundamentalisten* vorzugehen, denn all diese Kräfte berauben die Menschen ihrer Lebensgrundlagen.

Von Beginn an war das Geschehen auf den Pfaden und Plätzen des Veranstaltungsgeländes - einem Collegecampus - von den Darbietungen der Dalit- und Adivasi-Kulturtruppen gekennzeichnet. Unter ihnen waren die Frauen sehr präsent, und zwar auch lautstark mit Trommeln und anderen Instrumenten.

Lösungen bündeln

Bei der Pressekonferenz am zweiten Jänner konnten Medienleute erfahren, dass einigen asiatischen Delegierten das Einreisevisum von Seiten der indischen Regierung unter dem Vorwand des Antiterrorismus verweigert wurde. Unter ihnen auch Sahar Saba, afghanische RAWA-Aktivistin, und Asma Jehangir, Vorsitzende der Human Rights Commission Pakistan. Wir erfuhren auch, dass die wichtigsten asiatischen Trade Unions hinter dem WSF-Prozess stehen und am ASF teilgenommen haben. Ziel der asiatischen Zusammenkunft sei es - so die OrganisatorInnen, die verschiedenen Lösungen gegen lebensfeindliche Globalisierung zu bündeln und gemeinsame Strategien zu finden.

Bei dem vom südasiatischen Frauennetzwerk SANGAT organisierten Seminar "Militarisation, Globalisation and Resurgent Patriarchy" brachten Aktivistinnen aus Indien, Sri Lanka, Kashmir, Nepal und den Philippinen die zunehmende Militarisierung, die aggressive Globalisierung, den zunehmenden Fundamentalismus und die Verschlechterung der Lebenssituation der Frauen in Zusammenhang. Die Finanzierung der ansteigenden Militärausgaben geht auf Kosten des öffentlichen Sektors und wirkt sich in Form von Benachteiligungen direkt auf Frauen und Mädchen z. B. im Gesundheits- und Erziehungssektor aus.

Give us back our forest goddess!

Am dritten Tag des Forums ermöglichte mir TRED (Trust for rural education and development) ein Gespräch mit neun südindischen Adivasi-Aktivistinnen aus Tamil Nadu und Karnataka. Die Frauen waren zum ersten Mal bei einem internationalen Treffen dieses Ausmaßes anwesend. Sie begrüßten den Austausch mit anderen Adivasi-Gruppen Indiens und mit Indigenen aus anderen Teilen Asiens, die ähnliche Probleme mit dem Zugang zu Ressourcen wie Wald und Land haben. Dass ihren Anliegen auf so einem großen Treffen so viel Beachtung und Raum zugestanden wird, gibt ihnen Kraft und Zuversicht. Und es eröffnet ihnen eine neue Perspektive: dass auch andere Sektoren der Gesellschaft die Anliegen und den Kampf der Adivasis verstehen können. Ihre größten Probleme sind, dass sie keine vollwertigen BürgerInnenrechte besitzen und ihnen notwendige Dokumente vorenthalten werden. Immer öfter ist ihnen auch der Zugang zum Wald - ihrer ursprünglichen Lebensgrundlage - verwehrt. In einigen Fällen findet die Vertreibung der Adivasis zugunsten der Naturparks für den globalen Tourismus statt. Die so ihrer Lebensgrundlage Beraubten müssen auf Plantagen arbeiten gehen, speziell Frauen und Mädchen sind dort immer wieder sexuellen Übergriffen ausgesetzt.

Früher - so eine ältere Aktivistin - waren die Frauen in ihren Gesellschaften den Männern gleichgestellt und respektiert, durch die geänderten Lebensumstände und durch den Einfluss der indischen Mehrheitsgesellschaft ändere sich dies aber zuungunsten der Frauen. Auf den Plantagen gibt es ungleichen Lohn für Männer und Frauen. In der Gemeinschaft einer der anwesenden Gesprächspartnerinnen gab es auch schon Hungertote. Abgesehen vom Mangel an Nahrungsmitteln sinkt auch die Qualität derselben seit der Vertreibung aus den Wäldern. Viele Adivasi-Frauen sind durch die Mangelernährung anämisch.

Eine andere Aktivistin betont, dass im Kampf um BürgerInnen- und Landrechte speziell die Frauen Vorkämpferinnen seien. Selbstbestimmung und der gesicherte Zugang zu Land sind ihre einstimmigen Forderungen. Hinzu kommt ihre große Sehnsucht nach der traditionellen Lebensgrundlage Wald, wie es eine Aktivistin abschließend treffend zum Ausdruck bringt: "Give us back our forest godess, she is our mother and provides us with health!"

Frauen in der ersten Reihe

"Women resist Globalisation" war mit rund 3.500 ZuhörerInnen die best besuchte Veranstaltung des Forums. 17 Frauen aus verschiedenen asiatischen Ländern gaben Statements und Zeugnisse zur Auswirkung der Globalisierung und zu Gegenstrategien von Frauen ab. Auch hier war der Grundtenor, dass neoliberale Globalisierung und zunehmende Militarisierung die höchste Gefahr für Frauen darstelle. S. Chandrawati, eine Gewerkschafterin der Freihandelszone in Sri Lanka beschrieb, dass die srilankischen Arbeiterinnen schon lange und erfolgreich um ihre Rechte kämpfen, heute aber Fabriken geschlossen werden und Arbeiterinnen ohne Begründung entlassen werden können. Erfolg für Gegenstrategien sieht sie nur in transnationalen Allianzen, und dies sei auch der Grund für ihre Anwesenheit beim ASF. Vandana Shiva wies darauf hin, dass die indische Regierung zur Zeit der kommunalistischen Ausschreitungen gegen den moslemischen Bevölkerungsteil in Gujarat im Frühjahr 2002 unbeachteterweise und äußerst schnell lebensverachtende Gesetze zu gentechnisch verändertem Saatgut, zum Patentrecht und zur Privatisierung von Wasser durchbringen konnte. Akila Naz, eine Aktivistin aus dem pakistanischen Punjab, berichtete vom Kampf der Bäuerinnen gegen die Militärregierung, die bäuerliches Agrarland enteignet, um es transnationalen Konzernen zur Verfügung zu stellen. Sie stellten sich den Soldaten mit ihrem Wäscherinnenhandwerkszeug entgegen, was ihnen den Namen "Waschschlegelfrauen" eintrug. Eine der Aktivistinnen ist in dieser Auseinandersetzung schon umgekommen.

Latifa Giteli, eine Muslimin aus Godhra (Gujarat), gab ein berührendes Zeugnis darüber ab, wie sie als traditionelle Hausfrau, die niemals außerhalb des Hauses tätig war, während der kommunalistischen Ausschreitungen gegen MuslimInnen betroffene Verwandte in einem Flüchtlingslager besuchte. Durch die unfassbaren Zustände, die sie dort antraf, wurde sie selbst zur Aktivistin. Mit diesem Schritt an die Öffentlichkeit ging auch eine Stärkung ihrer eigenen Persönlichkeit einher. Die irakische Ökonomin Amal Shalash sprach vom drohenden Krieg für die irakischen Frauen, einem Krieg, bei dem es nicht um Menschenrechte, sondern um den Schlüssel zu Westasien und mit Westasien um den Schlüssel zu ganz Asien gehe.

Ähnliches Schicksal für ganz Asien

Dem Zusammenhang zwischen Fundamentalismus, globalisierten Märkten und den Auswirkungen von Konflikten war ein Workshop der "All Indian Democratic Women´s Association" gewidmet. Die Impulsreferentin Jayati Gosh gab ebenfalls Beispiele, wie der Fundamentalismus von den Globalisierungskräften zu ihren Gunsten benutzt werde, wie patriarchale Strukturen gestärkt werden und wie diese Entwicklungen in Indien als auch in ganz Asien stattfinden. Tatsächlich - so Gosh - fänden die meisten liberalen Ökonomien dieser Welt in nichtliberalen Gesellschaften statt. Aus Andhra Pradesh berichtete eine Universitätsdozentin, dass es neben den Selbstmorden von Bäuerinnen und Bauern auch vermehrt zu Mädchenselbstmorden komme, weil ihre Familien das Geld für die Aufnahme in höhere Schulen nicht aufbringen können. Bei der Veranstaltung "Ecology, Culture and Knowledge" betonte Vandana Shiva die Wichtigkeit der Präsenz palästinensischer FriedensaktivistInnen und das Wissen um ihren Kampf um Land, Wasser und Existenzberechtigung, da es durchaus möglich sei, dass alle asiatischen Völker demnächst ein ähnliches Schicksal durchliefen und ihrer Rechte zugunsten transnationaler Konzerne beraubt würden.

On a quiet day ...

Trotz der schweren Überlebensbedingungen von vielen asiatischen Aktivistinnen war die Stimmung während des gesamten Forums gehoben. Die frohe und bestimmte Erwartung einer "anderen" nahen Zukunft drückte eine der ASF-Teilnehmerinnen, die indische Schriftstellerin Arundhati Roy, während ihrer Abschlussrede am WSF in Porto Alegre aus: "Another world is not only possible, she is on her way. On a quiet day, I can hear her breathing".

 

"Noch einmal lassen wir uns nicht ausschließen!"

Ein Bericht vom Workshop "Die Marginalisierung von Sexualität"

Eva Kalny

AktivistInnen für die Rechte von Lesben, Homosexuellen, Bi- und Transsexuellen aus Indien, Nepal, Pakistan, Sri Lanka, Malaysia und Thailand setzten sich mit Fragen der Zusammenhänge zwischen Globalisierung, religiösem Fundamentalismus und Menschenrechtsverletzungen an nicht-heterosexuellen Personen sowie Gegenstrategien auseinander. In ihrer Arbeit sind die AktivistInnen selbst in aufgeklärten Kreisen regelmäßig mit zwei zentralen Fragen konfrontiert:

- Gibt es angesichts ethnischer und religiöser Konflikte und Gewalt sowie Hunger und anderer schwerwiegender Probleme nicht wichtigeres zu tun, als sich für die Rechte von Lesben, Homosexuellen, Bi- und Transgenders einzusetzen?

- Geht es hier nicht bloß um die Sexualität einer verschwindend kleinen Minderheit?

Tatsächlich sind Feministinnen diese Art der Fragestellung gewohnt, und ihre Antworten können analog für die Rechte sexueller Minderheiten angewandt werden:

- Die Unterdrückung von Frauen ist mehr als ein Nebenwiderspruch im Kampf um Befreiung, es gibt keine Befreiung ohne die Befreiung von Frauen. Verschiedene Formen der Unterdrückung aufgrund von Klasse, Kaste, ethnischer Zugehörigkeit, aber auch Geschlecht und sexueller Orientierung müssen gleichzeitig bekämpft werden.

- So wie der Kampf um Frauenrechte nicht ausschließlich Frauen betrifft, sondern patriarchale Strukturen insgesamt in Frage stellt, betrifft der Kampf um die Rechte sexueller Minderheiten immer auch sexuelle Vorstellungen und Praktiken der Mehrheitsgesellschaft. Zahlreiche kulturelle Mechanismen zwingen Menschen in ein angeblich "natürliches" System heterosexueller Normativität.

Zwei zentrale Verknüpfungen zwischen Globalisierung und Sexualität wurden analysiert: Einerseits besteht eine Verbindung zwischen Globalisierung und der Zunahme an religiösem Fundamentalismus. Letzterer bedient sich starrer Definitionen und Konstrukte von Sexualität und strebt die Kontrolle über diese an. Gleichzeitig entwickelt sich aber auch eine Globalisierung des Widerstands. In neuen, transnationalen Räumen entstehen Möglichkeiten der Identitätsbildung über nationale Grenzen hinweg. Das Internet hat dabei zentrale Bedeutung für marginalisierte Minderheiten.

Anmerkungen: Das nächste World Social Forum 2004 wird in Indien stattfinden.

Zu den Autorinnen: Eva Kalny besuchte das ASF als Delegierte von DIALOG - Institut für interkulturelle Beziehungen, Helga Neumayer besuchte das ASF als Delegierte von WIDE-Österreich und der Frauensolidarität.

In: Frauensolidarität 83(1/2003) S.20ff.


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