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Über die Konstruktion des "Anderen".

Vanessa Spanbauer sprach letzte Woche in der C3-Bibliothek für Entwicklungspolitik mit Elisa Frei über die Verflechtung von Kolonialismus, ethnologischen Museen und die Konstruktion des „Anderen“. Bericht von Katharina Prigge / Frauensolidarität 

Wir blicken auf einen gelungenen Abend in der C3-Bibliothek für Entwicklungspolitik unter dem Titel „Kultur, Bildung und koloniale Gegenwarten“ zurück. Im Podiumsgespräch zwischen Elisa Frei und Vanessa Spanbauer wurde am 4. Dezember 2019 die konfliktbehaftete Rolle ethnologischer Museen im 21. Jahrhundert am Beispiel des Berliner ethnologischen Museums, sowie des Wiener Weltmuseums diskutiert.

Vanessa Spanbauer agierte die erste Zeit des Gesprächs als Interviewerin, wie auch in ihrer Arbeit als Chefredakteurin und freie Journalistin des FRESH Magazins. Elisa Frei berichtete über ihre Masterarbeit, in der sie sich mit postkolonialer Repräsentation, Sammlungsgeschichte, sowie der Aufarbeitung des kolonialen Erwerbskontext ethnologischer Museen auseinandergesetzt hat. Später drehten sich die Gesprächsrollen und Spanbauer berichtet von postkolonialem Aktivismus in Wien, sowie der Rolle der Medien in Marginalisierungsprozessen.

Eröffnet wurde die gut besuchte Veranstaltung von Sara Schmelzer (ÖFSE) und Dani Baumgartner (Frauen*solidarität). Rassismus und postkoloniale Aufarbeitung seien Themen, mit denen sich nicht nur ethnologische Museen auseinandersetzen müssen. Die C3-Bibliothek für Entwicklungspolitik widmet sich seit Mitte 2018 der Aufarbeitung von Rassismen in ihren Beständen. Diese Auseinandersetzung, in deren Rahmen die Veranstaltung stattfand, sei notwendig, um die Bibliothek zu einem Raum des offenen Austauschs machen zu können.

Ethnologische Museen im 21. Jahrhundert.

Elisa Frei wurde erstmals im Zuge ihres Praktikums beim Verein "Berlin Postkolonial" auf postkoloniale Kritik am Ethnologischen Museum Berlin aufmerksam. Die Umzugspläne des Museums ins Humboldt Forum wurden von anhaltenden Protesten begleitet. Kritisiert wurde vor allem die Erwerbungsgeschichte in Hinblick auf koloniales Unrecht, Verhandlungen unter ungleichen Voraussetzungen und das Eingehen auf Rückgabeforderungen. Zudem waren die Namensgeber des Forums, die Gebrüder Humboldt, durch ihre wissenschaftlichen Arbeiten Teil der europäischen Expansion. Nachdem Elisa Frei in Wien ihr Masterstudium der Internationalen Entwicklung begann, fing sie an, sich für das Weltmuseum in Wien zu interessieren und für die Frage, wie mit kolonialer Vergangenheit umgegangen werden sollte. Die Herangehensweisen der beiden Museen an diese Debatten verglich sie später in ihrer Masterarbeit.

Ethnologische Museen als „Orte kolonialer Vergangenheit“.

Die Problematik der ethnologischen Museen im 21. Jahrhundert zeige sich daran, dass der überwiegende Teil der präsentierten Objekte aus Regionen außerhalb Europas stamme und unrechtmäßig, häufig mit Gewalt während der Kolonialzeit, entwendet worden ist. Neben der problematischen Kategorisierung der Objekte, die rassistische Vorannahmen reproduziert, wird häufig der Erwerbskontext nicht erwähnt oder verschleiert. Die ethnologischen Museen, die in der Phase des Hochimperialismus entstanden, sind sich, nach Elisa Frei ihrer Position als „Orte der kolonialen Vergangenheit“ meist nicht bewusst. Eine andere Problematik sei nach Vanessa Spanbauer, die Unüberschaubarkeit an Objekten, die als Kunst, oder auch im Privatbesitz, so noch gar nicht erfasst wurden.

Weltmuseum Wien.

Das Wiener ethnologische Museum thematisierte nach der Neueröffnung 2017 in einer eigens dafür geschaffenen Ausstellungsfläche die eigene Sammlungsgeschichte, aber nur zum Teil den kolonialen (Erwerbungs-)Kontext seiner Objekte. Die Art und Weise wie dies geschah, ist nach Frei für ethnologische Museen eher untypisch. Einer stereotypen Repräsentation sollte mit Konzepten wie Diversität, Partizipation und Selbstreflexion entgegengewirkt werden. Diese Konzepte gewannen, laut Frei erst in den letzten fünf Jahren immer mehr an Bedeutung, was vor allem Kritik aus den Herkunftsländern der Objekte und antirassistischer Organisationen vor Ort zu verdanken sei. Während in Deutschland seit den 1990er eine Auseinandersetzung mit der eigenen kolonialen Geschichte geführt wurde, konnte Österreich seine koloniale Vergangenheit lange verdrängen – „offiziell“ hätte Österreich doch nie Kolonien gehabt. Elisa Frei betitelt diese Position als „informellen, kollektiven Imperialismus“.

 „Rückgabe heißt Teilhabe“.

Die andauernde Kritik der letzten Jahre verstärkte sich durch Rückgabeforderungen aus den Herkunftsländern. Elisa Frei zeigte auf, dass auf die Forderungen von Seiten der deutschen und österreichischen Regierungen und der Museen meist mit zweierlei Argumenten reagiert wurde: Auf der einen Seite sei Rückführung nicht möglich, so die Antwort auf Rückgabeforderungen, da die Unversehrtheit der Objekte nicht gewährleistet werden könne. Auf der anderen Seite bedarf es einer spezifischen, offiziellen Forderung, die schriftlich an die Bundesregierung gestellt werden müsse. Somit konnten viele Rückgabeforderungen als nicht ausreichend „offiziell“ abgewendet werden. Vanessa Spanbauer machte auf einen zentralen Punkt im Rückgabediskurs aufmerksam. Sie kritisierte die Anforderungen, die von Museen mit den Rückgaben an die rechtmäßigen Besitzer_innen verknüpft werden. Dabei müsse immer bedacht werden, dass die Rückgabe rechtens sei, egal was danach mit den Objekten geschehe. Keines der Objekte sei dafür geschaffen worden, in einem europäischen Museum zu stehen. Insofern als die Objekte zu musealen Ausstellungsobjekten zweckentfremdet wurden, sei die Bedingung, dass sie nach der Rückgabe als solche unter denselben Standards weitergenutzt werden müssen, absurd.

Doch wie lässt sich der Widerstand gegen Rückführungen von Seiten der Museen erklären? Elisa Frei erklärt dies damit, dass die Institutionen mit der Rückgabe an Macht – nicht nur über die Objekte – verlören. Unter „Kolonialität der Gegenwart“ versteht sie eine Geschichtsauslegung zum Nutzen einer andauernden weißen Herrschaftsposition und das nicht-Zulassen von Partizipation anderer Gruppen.

Von weißen Europäer_innen gewaltvoll entwendete Objekte werden heute von überwiegend weißen, männlichen Generaldirektoren verwaltet, deren hegemoniale Deutungshoheit nur von einer Öffnung und Teilhabe marginalisierter Positionen durchbrochen werden könnte. Insofern bedürfe es kritischen, antirassistischen, postkolonialen Aktivismus‘.

Postkolonialer Aktivismus.

Vanessa Spanbauer greift im zweiten Teil der Diskussion die Frage auf, warum es in Wien bisher keine breite mediale Repräsentation der Kritik an ethnologischen Museen gegeben habe. „Schwarze Menschen tauchen in den Populärmedien nicht auf“, beschreibt sie die mediale Situation in Österreich.

Allgemein lässt sich sagen, dass antirassistische Kritik in Österreich sehr wohl lautstark geäußert wird, sie aber medial bei weitem nicht im selben Ausmaß, wie zum Beispiel in Deutschland, rezipiert wird. Das liegt auch daran, dass der Organisierungsgrad Schwarzer- und POC-Communities in Österreich niedriger ist und dass er sich stärker im Kunst- und Kulturbereich abspielt, als in Deutschland.

Im Zuge ihrer Arbeit für das FRESH Magazin, berichtete Spanbauer aber sehr wohl von Aktivismus, ausgehend von POC Communities in Wien, die postkoloniale Kontinuitäten und rassistische Austellungspraxen kritisieren und Rückführungen der Objekte fordern. Insofern endet sie mit der Forderung an das Weltmuseum und die österreichischen Medien, sich für Partizipation zu öffnen und sich der Kritik seitens der Aktivist_innen zu stellen.

Offene Themen und Diskurse.

Die anschließenden Fragen und Diskussionen des Publikums zeigten die Aktualität des Themas. Zukünftige Anknüpfungspunkte an den Abend könnten die Rolle ethnologischer Museen im Globalen Süden darstellen, sowie eine genauere Betrachtung der Rückforderung von Objekten. Aus einem feministischen Blickwinkel wäre es interessant, die von Elisa Frei angesprochenen patriarchalen Strukturen im Ausstellungs- und Museumskontext näher zu untersuchen. Nicht zuletzt wird es in weiteren Veranstaltungen verstärkt um das Bibliothekswesen gehen, schließlich stellt sich auch hier die Frage nach dem Umgang mit kolonialen und rassistischen Inhalten im Bestand.

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