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Gesundheit Was macht Frauen
krank? |
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Die kleine Ngozi aus Tansania wurde zwei Tage nach ihrer Geburt neben ihrer Mutter begraben. Nachdem ihre Mutter an der Geburt gestorben war, hatte auch sie kaum Überlebenschancen. Ihre Geschwister waren darauf vorbereitet, denn in Afrika ist es üblich, dass sich Frauen vor einer Geburt von ihren älteren Kindern verabschieden. In Tansania gibt es dafür sogar eine Redensart: „Ich fahre zur See, um ein neues Kind zu holen”, sagen sie, „aber die Reise ist lang und gefährlich und ich werde vielleicht nicht wiederkehren”. Ana Maria aus Honduras hatte mehr Glück. Nachdem die Regierung, alarmiert durch die hohe Müttersterblichkeit, die lokalen Geburtskliniken und -zentren personell besser ausgestattet hatte, konnte sich ihre Mutter schon während der Schwangerschaft untersuchen lassen, die Komplikationen waren absehbar und sie konnte medizinisches Personal zur Notfall-Geburt in Anspruch nehmen. Geburt ist keine Krankheit, dennoch sterben jährlich eine halbe Million Frauen in den Ländern des Südens an dieser Reproduktionsarbeit, die jede zweite ohne erfahrene Hilfe durchstehen muss. Die Müttersterblichkeit und die hohe Rate von 34% aller Krankheitsfälle, die in unmittelbarem Zusammenhang mit reproduktiven Gesundheitsproblemen stehen, machen deutlich, dass Frauen durch ihre biologische Rolle besondere Gesundheitsfürsorge benötigen. Armut Die Privatisierungen und die Wirtschaftsliberalisierung der 90er Jahre bedrohen besonders die Gesundheit der Bevölkerung des Südens. „Wir haben alles globalisiert außer die Gesundheit der Bevölkerung”, sagt die Gesundheitsexpertin Debarati Guha-Sapir. Die Globalisierung von Krankheit ist eine von PolitikerInnen in Nord und Süd ignorierte Bedrohung. Die Staaten versuchen lediglich, u.a. durch Kürzungen im Gesundheitswesen ihr Budget zu sanieren und die Krankenbetreuung wieder in die Familien, d.h. in die Hände der Frauen, auszulagern. Frauen werden im Rahmen der Krankenbetreuung selbst neuen Risiken wie etwa der Übertragung von HIV/AIDS oder TBC ausgesetzt werden. Die daraus folgende Arbeitsüberlastung und der Stress schwächen die Gesundheit der Frauen zusätzlich. Mädchen sind generell zäher, aber gegen die Armut haben sie keine Chance. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mädchen aus dem Slum stirbt ist fünfmal höher als bei ihrer Geschlechtsgenossin aus der Mittelschicht, und auch ihr Bruder, für den die Familie versucht, Geld für Medizin aufzutreiben, wird eher wieder geheilt als sie. Nandita aus Indien hatte von vornherein die schlechteren Karten, denn auf ihrem Speiseplan steht nur das, was die männlichen Familienmitglieder übriglassen, ihre Mangelernährung und die daraus folgende Anämie werden ihr ein Leben lang gesundheitliche Probleme bereiten. Arbeitsüberlastung Armut ist auch der Grund für Arbeitsüberlastung von Frauen, die neben der Familienversorgung in der Subsis-tenz und im informellen Sektor arbeiten müssen. Die Arbeit in den multinationalen Firmen der Bekleidungsindustrie oder als Landarbeiterinnen auf den Plantagen der Agroindustrie Zentralamerikas etwa ermöglicht ihnen zwar ein geringes Einkommen, aber die Arbeitsbedingungen widersprechen oft allen internationalen Standards und Arbeitsrechten. Fehlender Mutterschutz, der Umgang mit Pestiziden, lange Arbeitszeiten und gefährliche Arbeitsbedingungen in den Fabriken sind Risikofaktoren für Arbeiterinnen, die kaum auf eine Krankenversicherung zurückgreifen können, sondern im Krankheitsfall lediglich entlassen werden. Gewalt Gewalt zählt zu den größten Gesundheitsrisiken für Frauen. Eine Studie in der nigerianischen Stadt Zaira zeigte, dass 16% aller wegen einer sexuell übertragbaren Krankheit in ein Spital eingelieferten Personen Mädchen unter fünf Jahren waren. Vergewaltigung und Gewalt in der Familie belasten Frauen v.a. psychisch, so haben etwa Nikaraguanerinnen ausgesagt, dass die psychischen Folgen schlimmer seien als die körperlichen. Die Folgen liegen klar auf der Hand: Selbstmord, Drogenmissbrauch und der durch geringe Selbstachtung ausgelöste nachlässige Umgang mit der eigenen Gesundheit. Kaum eine kann sich wie Zoilamérica Narvaéz, die Tochter des nikaraguanischen Sandinistenführers Daniel Ortega, eine Psychotherapie zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs durch ihren Vater leisten. Esmeralda aus Costa Rica wurde infolge von Inzest bereits mit zwölf Jahren schwanger, ihr Körper war noch zu schwach für eine Geburt, die ihr fast das Leben kostete. Vergewaltigungen sind außerdem ein bedeutender Faktor in der Verbreitung von HIV/AIDS. Versuchte Ehrenmorde, Verbrennungen und Säureattentate etwa wegen Mitgiftstreitigkeiten verstümmeln Frauen in Bangladesch und Pakistan. Eine alarmierende Studie, nach der häusliche Gewalt weltweit die häufigste Ursache von Verletzungen bei Frauen zwischen 14 und 55 ist, hat die UNO dazu bewogen, eine Kampagne gegen diese Form der geschlechtsspezifischen Gesundheitsgefährdung zu lancieren. Neben der Armutsbekämpfung ist ein gewaltfreies Umfeld die beste Voraussetzung für körperliche und geistige Gesundheit von Frauen. Aber nicht nur Gewalt in der Familie, sondern auch Gewalt im Zuge von Kriegen und gewalttätigen Konflikten gefährden die psychische Gesundheit: Ihr kriegsbedingtes Trauma geben Mütter z.B. aus Kambodscha, Rwanda, Bosnien und Tschetschenien an ihre Kinder weiter, denen so ein emotionell ausgeglichenes Leben schwer gemacht wird. Entfremdung vom eigenen Körper Die fehlende Kontrolle über ihren eigenen Körper und insbesondere über ihre Sexualität durch Recht- und Machtlosigkeit setzt Frauen weiteren Risiken aus: Treue Frauen werden von ihren promiskuitiven Ehemännern durch ungeschützten Verkehr mit HIV/AIDS angesteckt, durch schnell aufeinander folgende Schwangerschaften werden ihre Körper geschwächt und ungewollte Schwangerschaften enden unter oft illegalen und somit unsicheren Bedingungen jährlich in 78.000 Fällen tödlich. Viele kulturelle und religiöse Tabus hindern Frauen am Zugang zur Gesundheitsfürsorge. Die geringe Kenntnis über die Funktionen ihres eigenen Körpers, das „Verbot” in vielen islamischen Ländern, sich von Ärzten untersuchen zu lassen, ohne dass vorhandene Ärztinnen als Alternative bereitstehen, oder Speisetabus und traditionelle schädigende Praktiken im sexuellen Bereich tun das ihrige, um Frauen krank zu machen. Hawa aus Somalia etwa wird bereits als kleines Mädchen an ihren Genitalien verstümmelt, die Entzündungen im Genitalbereich führen vielleicht sogar zur Unfruchtbarkeit, ein Grund, aus dem sie ihr Leben in sozialer Isolation verbringen wird müssen. Sexarbeiterinnen Anja aus Polen und Isabel aus der Dominikanischen Republik sind Sexarbeiterinnen in Westeuropa, ihr Status als illegale Arbeitsmigrantinnen verwehrt ihnen den Zugang zur regelmäßigen Gesundenuntersuchung für Prostituierte am Gesundheitsamt. Anja ist zusätzlich drogensüchtig und nimmt es bei der Beschaffungsprostitution nicht so genau mit den Kondomen, die daraus resultierende Geschlechtskrankheit und HIV/AIDS gibt sie daher an ihre Freier weiter und die wiederum an ihre nichts-ahnenden Gattinnen. Gesundheitsfürsorge Die medizinische Versorgung in Ländern des Südens ist fast überall ungenügend, sie betrifft aber Frauen aufgrund ihres schlechteren sozialen Status mehr als Männer. Für Analphabetinnen gibt es kaum zugängliche Gesundheitsinformation und gleichzeitig verschwinden als Folge der Modernisierung ihre Kenntnisse der traditionellen Heilkunst und ihr Wissen um die Naturmedizin. Aufgrund ihres geringeren Einkommens sind medizinische Leistungen für sie unerschwinglich. Geringes Selbstbewusstsein hindert Frauen daran, sich an die „Götter in Weiß” zu wenden, denen oft auch Misstrauen entgegengebracht wird. Frauen werden am ehesten in Zusammenhang mit ihrer reproduktiven Gesundheit gesehen, andere medizinische Bedürfnisse werden ausgeblendet. Die medizinische Forschung konzentriert sich auf Männerkrankheiten und die Wirkungen von Medikamenten werden kaum geschlechtsspezifisch ausgetestet, ihre Nebenwirkungen können für Frauen oft gesundheitsschädlich wirken. Ärzte bevorzugen Patienten und nehmen Patientinnen nicht ernst, das gesamte Gesundheitswesen ist männerorientiert. Frauengesundheitsbewegung Aufgrund dieser Daten und Fakten beschlossen Frauen in aller Welt, ihre Gesundheit selbst in die Hände zu nehmen, und es bildete sich eine Frauengesundheitsbewegung heraus, die zum Teil international sehr gut vernetzt ist. Sie rief 1987 als Alternative zum Weltgesundheitstag der WHO (7. April) den 28. Mai als Internationalen Aktionstag zur Frauengesundheit aus, bei dem Aktivitäten in aller Welt auf die besonderen Gesundheitsbedürfnisse von Frauen hinweisen. Die südafrikanische Regierung hat diesen Tag im Jahr 2000 offiziell anerkannt. Die Frauengesundheitsbewegung arbeitet im Kleinen wie z.B. das indische Fraueninformationszentrum Akshara, wo die Mitarbeiterinnen mit Schautafeln über den weiblichen Körper in die entlegensten Dörfer ziehen und über Lieder, Sketches und Rollenspiele die Frauen an der Basis über Gesundheitsfragen informieren. Viele der Teilnehmerinnen haben stundenlange Fußmärsche hinter sich gebracht, um an diesen Treffen unter freiem Himmel teilnehmen zu können. Die 1991 gegründete feministische Organisation C.A.I.S mit Sitz in Olinda, Brasilien stellt reproduktive Gesundheit ins Zentrum ihrer Arbeit. Ihr ist es ein besonderes Anliegen, die traditionellen Kenntnisse der afrobrasilianischen Hebammen v.a. für die indigenen Frauen zu nutzen. Durch Workshops und die Erstellung von Bildungsmaterialien soll diese „Berufsgruppe” gestärkt und ihr Wissen vor dem Vergessen gerettet werden. Gleichzeitig wird indigenen Frauen eine angepasste medizinische Versorgung während der Schwangerschaft und bei der Geburt geboten. Es werden aber auch internationale Konferenzen, Forschungsarbeiten und Multiplikatorinnentrainings durchgeführt. Wichtig ist dabei, von den Bedürfnissen der Frauen auszugehen und sie zu ermächtigen, Gesundheitsfürsorge von den politisch verantwortlichen einzufordern und auch eigene Strukturen aufzubauen, die mit geringen Ressourcen einen niederschwelligen Zugang zur medizinischen Versorgung eröffnen. Ein wichtiger Teil der Arbeit ist das Lobbying bzw. die politische Arbeit zur Frauengesundheit. So kämpft das Women’s Global Network for Reproductive Rights (WGNRR) etwa gegen Verhütungsmittel mit gesundheitsschädigenden Nebenwirkungen, die von Frauen selbst nicht kontrollierbar sind wie etwa die Anti-Schwangerschaftsimpfung oder Norplant. In Lateinamerika ist die Frauengesundheitsbewegung besonders aktiv. Das lateinamerikanische Frauengesundheitsnetzwerk Red de Salud de las Mujeres Latinoamericanas y del Caribe (RSMLAC) etwa gibt eine äußerst informative Zeitschrift (Women’s Health Journal) heraus, vernetzt somit feministische Gesundheitsarbeiterinnen mit kompakten Informationen und steht als Aktionsforum zur Verfügung. Die Gesundheitsbewegung steht in der Frauenbewegung nicht isoliert da, sie kann nur erfolgreich sein und das körperliche und psychische Wohlbefinden von Frauen verbessern, wenn sie soziokulturelle und ökonomische Faktoren in ihre Arbeit einbezieht. Das gesellschaftspolitische Empowerment von Frauen ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für gesunde Frauen in aller Welt. Literatur: Links Latin American and Caribbean Women’s Health Network:
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