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Tabuisiert und allgegenwärtig

Gewalt an Frauen mit Behinderungen

Sabine Mandl, Michelle Proyer und
Claudia Sprenger

Im Rahmen des Projektes RESPOND-HER diskutierten äthiopische Studentinnen mit Behinderungen der Universität Addis Abeba über ihre Erfahrungen. In Österreich beschäftigt sich ein von der Europäischen Kommission finanziertes Projekt unter der Leitung des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Menschenrechte mit dem „Zugang von Frauen mit Behinderungen zu Unterstützungsangeboten bei Gewalterfahrungen“. Dass es in so verschiedenen Ländern ähnliche Erfahrungen gibt, ist nicht überraschend. 

Zentrales Schlüsselwort: Abhängigkeit Michelle Proyer vom Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien führte Gespräche mit weiblichen äthiopischen Studierenden mit unterschiedlichen Behinderungen im Rahmen des Projektes RESPONDHER (Responding to Poverty and Disabiliy through Higher Education and Research) an der Universität in Addis Abeba. Ein erheblicher Teil der 27 Befragten berichtete über sexualisierte Übergriffe, die sie entweder selbst erfahren mussten oder von denen Mitstudierende ihnen erzählt hatten. Junge Frauen, die sich entscheiden, mit einem Studium zu beginnen, werden häufig nicht mehr von ihren Familien unterstützt. Um ihr Studium zu finanzieren, gehen die Studierenden oftmals Verbindungen mit sogenannten „boyfriends“ ein, die ihnen mitunter als Gegenleistung für sexuelle Dienste Ausgaben des täglichen Lebens finanzieren. Die Folgen sind häufig sexuelle Übergriffe und sexualisierte Gewalt. Aufgrund des Abhängigkeitsverhältnisses fällt es den Studierenden oft schwer, sich aus diesen „Beziehungen“ zu lösen, da sie mit den niedrigen Stipendien ihr Studium nicht fortsetzen können. Abhängigkeit ist auch in Österreich das zentrale Schlüsselwort, das sich aus den ersten Befunden des europäischen Projektes „Zugang von Frauen mit Behinderungen zu Unterstützungsangeboten bei Gewalterfahrungen“ herauslesen lässt. Das Projekt wird gemeinsam mit den österreichischen Partnern „queraum“ (Kultur- und Sozialforschungsinstitut) und „Ninlil“ (Verein für Empowerment und Beratung für Frauen mit Behinderungen) sowie den europäischen Universitäten Gießen (D), Island, Glasgow und Leeds (GB) durchgeführt. Die Wissenschaftlerinnen werden von einem Gremium, bestehend aus Expertinnen mit Behinderungen und Mitarbeiterinnen von Beratungs- und Unterstützungseinrichtungen, begleitet. Das Europäische Parlament hat 2006 festgestellt, dass ungefähr 80 % der Frauen mit Behinderungen Überlebende von physischer und psychischer Gewalt waren und einem weitaus größeren Risiko ausgesetzt sind, sexualisierte Gewalt erleben zu müssen. Zudem ist es hinlänglich bekannt, dass es für die betroffenen Frauen oft besonders schwierig ist, adäquate parteiliche Unterstützung zu bekommen und spezialisierte Beratungsangebote vorzufinden. Einblicke in die Erfahrungswelt betroffener Frauen Erste Ergebnisse der empirischen Untersuchungen, die im Rahmen des EUProjektes von Juni 2013 bis März 2014 in Österreich durchgeführt wurden, bestärken diese vom Europäischen Parlament getätigten Aussagen. Alle 16 interviewten Frauen mit Behinderungen berichteten von Gewalt in Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter. Die befragten Frauen definieren Gewalt als sehr vielfältig – neben physischer, sexualisierter, psychischer Gewalt und Diskriminierung spielt vor allem auch die strukturelle/institutionelle Gewalt eine große Rolle im Leben dieser Frauen. Die Täter und Täterinnen sind besonders im nahen sozialen, aber auch im entfernteren Umfeld zu finden, nur selten sind es Unbekannte. Beeinträchtigungen, wie nicht (weg)laufen zu können, nichts hören oder nichts sehen zu können etc., werden häufig ausgenutzt, um Gewalt auszuüben. Zudem begünstigt das in der Gesellschaft immer noch vorherrschende Bild von Mädchen und Frauen mit Behinderungen als „asexuelle“ Wesen und die fehlende oder mangelhafte sexuelle Aufklärung das Überschreiten von persönlichen Grenzen und Ausüben von Gewalt. Vor allem aber sind es oft die herrschenden Abhängigkeitsverhältnisse (persönlich wie finanziell), die es den Frauen verunmöglichen, sich aus der Gewaltspirale zu lösen, weil sie Angst davor haben, die betreuende Person – die Gewalt ausübt – zu verlieren. Frauen mit Behinderungen wird bei Gewalterfahrungen oftmals nicht geglaubt, und sie erleben dadurch häufig eine Art Re-Traumatisierung und vermehrte Hilflosigkeit. Zudem sind strukturelle Gewalt und Diskriminierung allgegenwärtig für Frauen mit Behinderungen. Die befragten Frauen erzählen von zahlreichen Barrieren, die ihnen auch den Zugang zu Gewaltschutz- und Unterstützungseinrichtungen erschweren. Neben baulichen und infrastrukturellen Barrieren fehlt es oft an zugänglichen Informationen wie barrierefreien Websites, Broschüren in leicht verständlicher Sprache, Videos in Gebärdensprache etc. Ebenfalls mangelhaft ist der Zugang zu Recht für Frauen mit Behinderungen in Österreich. Es besteht die Tendenz, Missbrauch und Gewalt an Frauen mit Behinderungen eher als sozialarbeiterisches Problem denn als Straftatbestand zu betrachten. Forderungen an Politik und Gesellschaft Die interviewten von Gewalt betroffenen Frauen fordern zugängliche Beratung inklusive ein mehr an Peer- Beratung (Frauen mit Behinderungen unterstützen und beraten von Gewalt betroffene Frauen mit Behinderungen) sowie zugängliche Informationen. Weiters fordern sie einen barrierefreien Zugang zu Recht sowie zum Gesundheitssystem und appellieren an die Politik, Verantwortung zu übernehmen und auch entsprechende Rahmenbedingungen zur Verfügung zu stellen. Eine Weiterführung und/oder Ausweitung des Projektes auf andere Länder wäre wünschenswert. Denn die Problematik, der sich Frauen mit Behinderungen in Europa gegenübersehen, trifft auch jene, die in den Ländern des Südens und Ostens leben. Laut WHO (2011) leben weltweit 15 % der Weltbevölkerung – das sind eine Milliarde Menschen – mit Behinderungen, davon 80 % in einkommensschwachen Ländern. Sie befinden sich unter den Ärmsten der Armen. Mädchen und Frauen mit Behinderungen sind überproportional von Armut betroffen und oft Mehrfachdiskriminierungen ausgesetzt. Neben den bekannten Diskriminierungen wie etwa dem geringeren Zugang zu Nahrung, Landbesitz, gesundheitlicher Versorgung, Bildung, Erwerbsarbeit und ungleich höherer Arbeitsbelastung erleben diese Mädchen und Frauen häufiger Gewalt, vor allem auch sexualisierte Gewalt mit entsprechend hohem HIV-Infektionsrisiko und anderen dramatischen Folgen. Auch Genitalverstümmelung führte etwa bei mehr als 100 Mio. Frauen zu Behinderungen. Die WHO kritisiert, dass Menschen mit Behinderungen aus den bisherigen Entwicklungsmaßnahmen keinen „angemessenen Nutzen“ ziehen konnten. In den Programmen und Projekten verschiedenster Organisationen werden diese Menschen selten berücksichtigt und häufig „übersehen“. 2012 zielten nur 3,9 % der Maßnahmen der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit auf die Rechte von Menschen mit Behinderungen ab. Geber_ innenorganisationen und internationale Institutionen, aber auch lokale Einrichtungen vor Ort haben oft kein Bewusstsein über die spezifische Situation sowie die Lebensbedingungen und Bedürfnisse dieser Menschen. Partizipation im Sinne von aktiver Teilhabe an der Entwicklung und Durchführung von Programmen und Projekten ist äußerst selten. Menschen mit Behinderungen werden oft noch als Hilfsempfänger_innen und nicht als selbstbestimmt Handelnde wahrgenommen. Inklusion, Barrierefreiheit, Selbstbestimmung, Gleichberechtigung und Partizipation dürfen nicht länger leere Worthülsen in der Entwicklungszusammenarbeit bleiben, sondern müssen das Leben von Menschen mit Behinderungen nachhaltig verbessern, denn – behindert ist, wer behindert wird!

Lese- und Webtipps: EU-Projekt: http://women-disabilities-violence. humanrights.at/?q=de // RESPOND-HER: http://respond-her.univie.ac.at // Österreich: Aiha Zemp/Erika Pircher: Weil das alles weh tut mit Gewalt, 1996: http://bidok.uibk.ac.at/ library/zemp-ausbeutung.html // Deutschland: Monika Schröttle/Claudia Hornberg et al.: Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen in Deutschland, 2012: www.bmfsfj.de/BMFSFJ/ Service/publikationen,did=186150.html Zu den Autorinnen: Sabine Mandl arbeitet zum Thema Frauenrechte/EZA und Claudia Sprenger zum Thema Menschen mit Behinderungen/EZA – beide am Ludwig-Boltzmann- Institut für Menschenrechte in Wien. Michelle Proyers Forschungsschwerpunkte sind Integrative und Inklusive Pädagogik sowie Behinderung, Bildung und Entwicklung mit dem Schwerpunkt Asien am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien.

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