Kompetenz
versus Betroffenheit
Einige interessante Diskurse zu Sexismus und Rassismus beim Antirassismus-Studientag
Judith Zimmermann
Am 21. Juni 2001 fand im Kardinal-König-Haus in
Wien der Studientag Anti-Rassistische Perspektiven in der Entwicklungszusammenarbeit
statt. Mehr als 60 TeilnehmerInnen von unterschiedlichsten österreichischen
NGOs vorwiegend aus dem entwicklungspolitischen und antirassistischen Bereich
nahmen daran teil.
Die TeilnehmerInnen
diskutierten selbstkritisch über die Wahrnehmung von (anti)rassistischen
Praxen in der entwicklungspolitischen Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit
sowie in der Projektarbeit und verständigten sich auf allgemeine Zielsetzungen
wie
- Stärkung von Antirassismus in der Entwicklungszusammenarbeit
(EZA)
- Wahrnehmung und Bestandsaufnahme von (anti)rassistischen
Praxen in der EZA
- Vernetzung von MigrantInnen- und Antirassismus-Organisationen
mit entwicklungspolitischen NGOs und
- antirassistische Trainings für MitarbeiterInnen
in der EZA
Die Konstruktion des Fremden
Es wurden parallele Arbeitskreise abgehalten,
die den offenen Fragen und Problemen in Zusammenhang mit einer Sensibilisierung
gegen Rassismus und Sexismus in den EZA-Bereichen Öffentlichkeitsarbeit,
Bildungsarbeit und Projektarbeit auf den Grund gingen. Der Arbeitskreis
Öffentlichkeitsarbeit und Informationsarbeit mit dem Titel "Eine mediale
und popkulturelle Konstruktion des Fremden" steckte sich das hohe Ziel,
auf folgende Fragen eine Antwort zu finden: Wie setzen Medien und Popkulturen
subtile kulturalisierende Bilder ein? Welche "Fremden" werden wie konstruiert?
Wer repräsentiert wen? Welche Gegenstrategien sind denkbar? Wer kann wo
ansetzen? Er beschäftigte sich mit dem Sichtbarmachen von rassistischen
Realitäten, die in Form von Bildern/Sprache bewusst und unbe-wusst transportiert
werden und denen durch die Positionierung in der Öffentlichkeitsarbeit
eine besondere Rolle zukommt. Sowohl Frauenforscherinnen als auch VertreterInnen
von Radiosendern und entwicklungspolitischen NGOs haben sich auf dieses
Thema eingelassen. Als Impulse für die inhaltliche Diskussion wurden Begrifflichkeiten
und Substanz des differenziellen oder kulturalistischen Rassismus, auch
Kulturalismus genannt, erklärt. Diese Form des Rassismus hat sich nach
1945 im Zuge der "Entkolonialisierung" gebildet und hat sich seit der
Krise des Fordismus (des dominanten westlichen ökonomischen Verwertungssystem
der Nachkriegszeit) und der so genannten Globalisierung des kapitalistischen
Weltsystems sozial verschärft.
Kulturalismus
Es handelt sich dabei um ein Konzept, welches
weniger die Überlegenheit als vielmehr die Unvereinbarkeit der "eigenen"
mit den "anderen", "fremden" Kulturen behauptet und im Namen der Erhaltung
aller kulturellen "Identitäten" und ihrer Differenzen für eine territoriale
Trennung auftritt. Wobei die "eigene" "österreichische oder aber "gesamteuropäische"
Identität als die bedrohte und daher zu schützende dargestellt wird. Warum
ist die Kategorisierung des "Fremden" bzw. die Überwindung solcher Kategorien
so zentral für eine antirassistische Öffentlichkeitsarbeit? Wenn vom "Fremden"
gesprochen wird, wird zumeist vom "Eigenen", vom konstruierten Selbst
geredet. Somit sollte im Zentrum einer antirassistischen Öffentlichkeitsarbeit
also zunächst einmal die Reflexion über die herrschenden rassistischen
Verhältnisse sowie die Zerstörung der Zuschreibung und Mythen und die
Frage der Repräsentation mit all ihrer Komplexität stehen.
Verfälschte Wahrnehmung
Auch die Definition des Begriffs Öffentlichkeitsarbeit
wurde angeschnitten. Wozu soll sie dienen, was soll sie erreichen? In
erster Linie einigte man sich im Gespräch darauf, dass Öffentlichkeitsarbeit
sinnvoll ist, um ein Thema näher zu bringen, aber auch um ganz gezielt
Bilder zu vermitteln. Diese Bilder werden oft ohne Zusammenhang mit der
Kernaussage oder ohne Kommentar in die Öffentlichkeit gebracht und bewirken
dadurch eine verfälschte Wahrnehmung. In der EZA werden durch Werbekampagnen
verzerrte Bilder von den Ländern des Südens wiedergegeben. So werden viele
Länder nur mit Leid, Not und Katastrophe assoziiert, ohne irgendwelche
positiven Gefühle zu wecken.
Selbstverständlich antirassistisch?
Eine interessante Wahrnehmung ist, dass Antirassismus
immer als selbstverständlich angesehen und sogar mit sozialem Engagement
gleichgesetzt wird, ohne zu reflektieren, was wirklich dahintersteht.
Im Bereich der Non-Profit-Organisationen wird Antirassismus noch viel
zu oft als selbstverständlich vorausgesetzt. Diskriminierende Mechanismen
sind jedoch vielschichtiger - eine bewusste kritische Selbstreflexion
ist daher unumgänglich. Um in das Thema mehr einzutauchen, wurden mittels
einer Overheadpräsentation vier ausgewählte Fotos, die als Werbung für
die EZA verwendet wurden, vorgestellt.
Genderspezifische Wahrnehmung
In den Bildern kamen stereotype, rassistisch-
sexistische Darstellungen zur Sprache. Sie zeigten überwiegend Frauen
(ein Model, das mit dem Begriff Hunger in Verbindung gebracht wird; eine
Schwangere und eine Frau mit nacktem Oberkörper, die für den fairen Handel
wirbt) und Kinder (Patenschaft von World Vision). Die Gefühle und Eindrücke
bei den teilnehmenden Frauen und Männern waren sehr verschieden und lös-ten
dadurch vielfältige Reaktionen und Inputs für den darauf folgenden Meinungsaustausch
aus. Ein starkes Gefühl, das durch das Betrachten der Bilder ausgelöst
wurde, war Mitgefühl und Trauer, aber auch Abscheu. Keine/r sprach davon,
dass die dargestellten Personen als gleichwertig betrachtet wurden oder
ernst zu nehmen waren: Ganz im Gegenteil: Die Kluft zwischen Norden und
Süden kam stark zum Tragen. Neben Sexismus wurde auch oft von der Frau
bzw. dem Menschen als Ware, von Ausbeutung und von Unterwürfigkeit gesprochen.
Es herrschte tiefe Betroffenheit - für viele verkörperten die Bilder einen
großen Rückschritt -, einige interpretierten die dargestellten Frauen
als solche, die sich präsentieren bzw. jederzeit "genommen" werden können.
Im Gegensatz dazu waren einige TeilnehmerInnen mit diesen Aussagen nicht
einverstanden und verteidigten die sexistische Darstellung der schwarzen
Frau, die für fair gehandelte Produkte wirbt, als schön und beneidenswert.
So wurde auch die Darstellung des nackten Busens auf dem Plakat, der in
keiner Verbindung zur angepriesenen Ware stand, verteidigt. Aufgrund dieser
Aussage führte die Diskussion weiter zu der Frage, warum sich die EZA
dieser Art von Werbung und Öffentlichkeitsarbeit bedient. Warum spricht
diese Szene den althergebrachten Werbekonzepten zu, wenn es um Menschen
und ihre Not geht? Viele sprachen von einem aus dem Kolonialismus abgeleiteten
"ursprünglichen Gedankengut", das noch immer nicht verarbeitet wurde;
andere fragten sich, warum "schwarze Hautfarbe immer ein Grund für eine
Rassismusanalyse ist".
Betroffen und kompetent
Erschreckend ist, dass sich entwicklungspolitische
Öffentlichkeitsarbeit oft ganz bewusst verschiedener Rassismen und Sexismen
bedient. Die Frage stellt sich, was man damit erreichen möchte. Einerseits
ist immer von "partnerschaftlicher Zusammenarbeit" die Rede, andererseits
werden Menschen aus dem Süden immer in Verbindung mit Armut, Leid und
Korruption gebracht. Selbst das Organisationsteam des Studientages war
nicht davor gefeit. So wurde der Einladungsfolder von den Teilnehmenden
stark kritisiert, weil darin von "ReferentInnen aus dem Süden" gesprochen
wurde. Nicht die Kompetenz zählte, sondern die Betroffenheit - man beschränkt
sich auf die Erfahrung aus erster Hand. Hier wurde unbewusst "Ungleichheit"
reproduziert, indem einer namenlosen Masse von ReferentInnen aus "Afrika
und Lateinamerika" zwei - in diesem Fall weiße/mehrheitsösterreichische
- Männer namentlich mit klar definierten Kompetenzen gegenübergestellt
werden. Kritik wurde insofern geäußert, dass größtenteils noch nicht von
einer Umsetzung einer entwicklungspolitischen Zusammenarbeit mit den Betroffenen
zu reden ist, sondern noch immer eine gewisse Hierarchie spürbar ist.
Kompetenz versus Betroffenheit bedeutet, dass die ExpertInnen aus den
Ländern des Südens nicht als solche wahrgenommen werden, sondern nur ihre
Erfahrung als Betroffene zählt. Warum gibt es eine Szene, die von Weißen
dominiert ist und MigrantInnen nicht in jenen Positionen zu finden sind,
die ihnen entsprechen?
Eigene Rassismen aufspüren
Es wird von einem Prozess der Zusammenarbeit
mit "neuen SiedlerInnen" gesprochen, dessen Ziel es ist, sie als gleichwertige
MitbewohnerInnen zu sehen, die Entscheidungen als gleichberechtigte PartnerInnen
treffen. Dabei sollten die Stufen der "multikulturellen Show" und der
"Partizipationsshow" überwunden sein. Die "multikulturelle Show" bzw.
der Authenzitätsstempel ("kultureller Voyeurismus") beinhaltet vorwiegend,
dass schwarze Menschen eingeladen werden, um ihre Originalität durch Gesang,
Tanz etc. zur Schau zu stellen - und die "Partizipationsshow" ("wir lassen
euch sprechen") will die "Betroffenen" in einem gefertigten Rahmen, zu
dessen Mitgestaltung schwarze Menschen keinen Zugang hatten, einladen,
um zu "partizipieren". Ihr "Kulturbeitrag" wird durch einen "Betroffenenredebeitrag"
ersetzt. Wir sollten die Veranstaltung als Beginn eines Prozesses sehen,
der uns eine Sensilibisierung in Bezug auf unsere eigenen Rassismen und
auf Sexismus lehrt. Auch gemeinsame Entscheidungen zu treffen oder auf
gleichberechtigter Ebene zu gestalten, muss von uns erarbeitet werden.
Zur Autorin:
Judith Zimmermann arbeitet als Bildungs- und Fachreferentin bei der Koordinierungsstelle
der Österreichischen Bischofskonferenz für internationale Entwicklung
und Mission.
In: Frauensolidarität 77 (3/2001) S.19-21
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