Komplexe
Verhältnisse
Rassismus und Sexismus
Rosa Zechner
In letzter Zeit sind
zahlreiche Definitionen zu Rassismus entstanden. Im Folgenden ein kurzer
Überblick zu Begriffsdefinitionen und Verschiebungen der rassistischen
Diskurse in Europa sowie zum Verhältnis von Rassismus und Sexismus.
Einer Schwarzen Frau1 wird in einer spezifischen
Situation mangelnde Intelligenz unterstellt. Handelt es sich dabei um
Rassismus oder Sexismus? Dieses Beispiel zeigt, dass es in der Realität
oft nicht möglich ist, festzustellen, ob z.B. Schwarze Frauen wegen ihres
Geschlechtes oder ihrer Hautfarbe diskriminiert werden. Beides hängt vielmehr
zusammen und verhält sich je nach Situation unterschiedlich zueinander.
Bis in die 1980er Jahre wurden beide Phänomene jedoch vorwiegend als eigenständig
und voneinander unabhängig wahrgenommen.
Definitionen
Der Begriff Rassismus hat im Laufe seiner relativ
kurzen Geschichte zahlreiche Bedeutungsänderungen erfahren. Ursprünglich
war er eng mit dem problematischen und wissenschaftlich nicht mehr haltbaren
Begriff "Rasse"2 verbunden, wie ihn die "Rassen"-Theorien des 18.
und 19. Jahrhunderts entwickelt hatten. Im Zuge einer Begriffserweiterung
sind unterschiedlichste Definitionen zu Wesen und Funktion des Rassismus
entstanden. Eine wesentliche Eigenschaft des Rassismus sehen zahlreiche
AutorInnen darin, dass gesellschaftlich konstruierte Herrschaftsverhältnisse
naturalisiert werden.Eine der am häufigsten verwendeten Rassismus-Definitionen
stammt von Robert Miles. Um Überdehnungen und Verengungen zu vermeiden,
plädiert Miles für eine Definition von Rassismus, die sich ausschließlich
auf ein ideologisches Phänomen bezieht und nicht auf Praktiken und Prozesse
der Ausgrenzung. Der ideologische Gehalt des Rassismus liegt nach Miles
in der Konstruktion einer "Rasse". Dieser Kollektivgruppe werden naturgegebene,
unveränderbare negative Eigenschaften zugeschrieben, die biologischer
oder kultureller Herkunft sein können. Die Gruppe wird ideologisch als
Bedrohung dargestellt.
Kulturalistischer Rassismus
In den letzten beiden Jahrzehnten ist es zu
einer Veränderung und Verschiebung rassistischer Diskurse gekommen. Der
Diskurs über biologische Unterschiede wurde von jenem über kulturelle
Differenzen abgelöst. Etienne Balibar geht der Frage nach, ob es sich
bei der gegenwärtigen Form des Rassismus, der sich vor allem gegen ImmigrantInnen
richtet, um einen neuen Rassismus handelt, der sich nicht auf früher aufgetretene
"Modelle" reduzieren lässt. Balibar spricht von einem "Rassismus ohne
Rassen", von einem "kulturalistischen Rassismus", dessen vorherrschendes
Thema nicht mehr die biologische Vererbung, sondern die Unaufhebbarkeit
der kulturellen Differenzen ist. Kultur wird dabei essenzialisiert, sie
erscheint als vererbtes und unveränderliches Merkmal. Dieser "differenzialistische
Rassismus" postuliert nicht mehr die Überlegenheit bestimmter Gruppen
über andere, sondern behauptet die "Schädlichkeit jeder Grenzverwischung
und die Unvereinbarkeit der Lebensweisen und Traditionen".
Naturalisierung der Ausgrenzungspraktiken
Dilek Çinar greift die Frage, was eigentlich
die Novität am "Neorassismus" in Europa sei, neuerlich auf. Für sie stellt
die Ablösung biologistischer durch kulturalistische Argumentationen keine
hinreichende Erklärung dar. Das Neue bestehe vielmehr darin, dass die
Abwehr des so genannten Fremden zu einem genetisch determinierten und
universellen Phänomen erklärt wird. "Dabei geht es nicht länger um die
Naturalisierung der 'Objekte' des Rassismus, sondern um die biologistische
Rechtfertigung der Ideenwelt, der Emotionen und des Verhaltens seiner
'Subjekte'". Çinar zeigt, dass in gegenwärtigen soziobiologischen Theorien
und Diskursen die Präferenz für diejenigen, mit denen der größte "genetische"
Verwandschaftsgrad bestehe, als "Natur" des Menschen dargestellt wird.
Hier ist nicht mehr von Hierarchien die Rede, sondern einfach von Differenzen,
die die allen Menschen angeborene Angst vor "genetisch Fremden" auslösen
würden. Letztendlich geht es dabei um die Rechtfertigung des Verhaltens
der "Subjekte" des Rassismus, die entsprechend ihrer "natürlichen Anlagen"
handeln würden. Da in dieser Argumentation diskriminierendes Verhalten
und politische Ausgrenzungspraktiken gegenüber ImmigrantInnen naturalisiert
werden, spricht Çinar vom Vorliegen eines "genuin neuen Rassismus" in
Europa.
Rassistischer Feminismus
Wie bereits eingangs erwähnt, besteht eine wesentliche
Eigenschaft des Rassismus in der Verknüpfung mit anderen Eingrenzungs-
und Ausgrenzungspraktiken wie Sexismus, Nationalismus, Klassendiskriminierung
und Homophobie.Die Weiße Frauenbewegung hat sich lange Zeit ausschließlich
mit Geschlecht als der für sie zentralen Kategorie der Unterdrückung beschäftigt.
Die einzige Differenz, die wahrgenommen wurde, war jene zwischen Frauen
und Männern. Insbesondere Schwarze Frauen haben dazu beigetragen, dass
auch die Differenz zwischen Frauen zum Thema wurde. Bereits 1979 konfrontierte
Audre Lorde auf einer internationalen Konferenz zum 30-jährigen Bestehen
des "Anderen Geschlechts" von Simon de Beauvoir die Weiße Frauenbewegung
mit dem Rassismus-Vorwurf: "Da sich weiße feministische Theoretikerinnen
nicht mit den Differenzen zwischen Frauen befassen, kümmern sie sich auch
nicht um die Tatsache, dass die Frauen, die ihre Häuser putzen und ihre
Kinder hüten, während sie selbst Konferenzen über feministische Theorie
besuchen, größtenteils arme und farbige Frauen sind. Was ist die Theorie
hinter rassistischem Feminimus?"3 Und in weiterer Folge forderten Vertreterinnen
des Schwarzen Feminismus wie Gloria I. Joseph eine feministische Theorie,
die nicht nur das Verhältnis von Marxismus und Feminismus, sondern auch
den Rassismus aufgreift und die Verstrickung Weißer Feministinnen in Patriarchat,
Kapitalismus und Rassismus reflektiert.
Weißheit als Norm
Mittlerweile lässt sich auch in der Weißen feministischen
Theorie und Politik eine Dezentralisierung der Kategorie Geschlecht und
eine Berücksichtigung verschiedener Differenzen und Machtverhältnisse
feststellen. Was allerdings nach wie vor kaum geschieht, ist die Thematisierung
der eigenen "Weißheit" und Zugehörigkeit zur Dominanzgesellschaft. Von
ethnischer Zugehörigkeit und kultureller Identität ist nur bei Schwarzen
Frauen die Rede. Ruth Frankenberg fordert, "Weißheit" als veränderbares
Konstrukt zu untersuchen, dessen Bedeutung sich in Relation zum Konstrukt
der "Nichtweißheit" erschließen lässt. Denn rassistische Unterdrückungssysteme
prägen nicht nur das Leben jener, die diskriminiert werden, sondern auch
jener, die davon profitieren. Und solange Weißheit nicht thematisiert
wird, bleibt sie die Norm.
Simultane und ineinander greifende Unterdrückungsformen
Zur Erklärung der Verknüpfung von Rassismus
und Sexismus sind Schwarze Frauen zunächst von einem additativen Modell
ausgegangen, wobei die verschiedenen Unterdrückungsformen als voneinander
unabhängig betrachtet und hierarchisiert wurden. Daraus entwickelte sich
später das simultane und ineinander greifende Modell, wonach verschiedene
Diskriminierungsformen gleichzeitig wirken und jede den anderen eingeschrieben
ist. Entsprechend diesem Konzept des Ineinandergreifens und simultanen
Wirkens von verschiedenen Unterdrückungsformen ist Geschlecht auch rassistisch
konstruiert und weist umgekehrt Ethnizität auch sexistische Konstruktionen
auf. Aufgrund dieser Verwobenheit ist es nicht möglich, durch die Aufhebung
eines Unterdrückungssystems alle anderen zu beseitigen, vielmehr spricht
diese Verknüpfung dafür, gleichzeitig und gemeinsam gegen Diskriminierungen
und Ausgrenzungen jeglicher Art zu kämpfen.4
Anmerkungen:
1 Die Begriffe Schwarz und Weiß werden
in einem politischen Sinn verstanden, "Schwarz" steht als Synonym für
marginalisierte und unterdrückte Gesellschaftsgruppen, "Weiß" als Synonym
für die dominante Gesellschaftsgruppe und Dominanzkultur. Entsprechend
der mittlerweile üblichen Praxis werden auch in diesem Beitrag die Begriffe
Schwarz und Weiß großgeschrieben, um den politischen Gehalt zu betonen
und darauf hinzuweisen, dass nicht phänotypische Merkmale gemeint sind.
2 Wie die Naturwissenschaften nachgewiesen
haben, gibt es im biologischen Sinn keine unterschiedlichen "Rassen";
zusätzlich ist es besonders in Ländern wie Österreich und Deutschland
aufgrund der Geschichte des Nationalsozialismus verstärkt problematisch,
diesen Begriff zu verwenden.
3 Zitiert nach Ludvig, S.40.
4 Siehe Amesberger/Halbmayr, S.48-60.
Literatur:
Helga Amesberger/Brigitte Halbmayr: Rassismen. Ausgewählte Analysen Afrikanisch-amerikanischer
Wissenschafterinnen (Wien 1998).
Etienne Balibar: Gibt es einen "Neo-Rassismus"? In: Etienne Balibar/Immanuel
Wallerstein: Rasse, Klasse, Nation. Ambivalente Identitäten (Hamburg 1990)
S.23-38.
Dilek Çinar: Alter Rassismus im neuen Europa? Anmerkungen zur Novität
des Neo-Rassismus. In: Brigitte Kossek (Hgin): Gegen-Rassismen. Konstruktionen
- Interaktionen - Interventionen (Hamburg 1999) S.55-72.
Ruth Frankenberg: Weiße Frauen, Feminismus und die Herausforderung des
Antirassismus. In: Brigitte Fuchs/Gabriele Habinger (Hginnen): Rassismen
und Feminismen. Differenzen, Machtverhältnisse und Solidarität zwischen
Frauen (Wien 1996) S.51-66.
Gloria I. Joseph: Das disharmonische Dreiecksverhältnis: Marxismus, Feminismus
und Rassismus. In: Gloria I. Joseph (Hgin): Schwarzer Feminismus. Theorie
und Politik afro-amerikanischer Frauen (Berlin 1993) S.71-88. Dieser Artikel
erschien ursprünglich bereits 1983.
Alice Ludvig: Kritik des Black Feminism an feministischer Theoriebildung.
In: SWS-Rundschau 1/2001 (Wien) S.38-52.
Robert Miles: Rassismus. Einführung in die Geschichte und Theorie eines
Begriffs (Hamburg 1991).
In: Frauensolidarität 77 (3/2001) S.4f.
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