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Frau am Herd ist die Demokratie nix wert

Eine honduranische Organisation als Vorbild in mehrfacher Hinsicht

Nela Perle

Die „Coordinadora de Mujeres Campesinas de la Paz” (COMUCAP) ist ein Zusammenschluss von indigenen Frauen in der honduranischen Provinz La Paz mit Sitz in Marcala, dem wirtschaftlichen Zentrum der Region. Die Frauenkooperative ist aber weit mehr als nur ein Zusammenschluss von Produzent_ innen von Kaffee und Bio-Kosmetikprodukten. COMUCAP gilt in der Region in erster Linie als frauenpolitische Organisation, die sich unermüdlich für die Rechte der unter häuslicher Gewalt, politischer Unterdrückung und sozialer Ausgrenzung leidenden Landfrauen einsetzt und für deren wirtschaftliche und politische Unabhängigkeit kämpft.

Am Ortsrand von Marcala, am Hang men von COMUCAP aufgegangen … an einer unwegsamen steinig-felsigen Straße gelegen, wo man eigentlich keine Geschäfte und Büros mehr erwartet, finden wir nach etlichem Herumfragen den Sitz von COMUCAP, einer Frauenkooperative, die in Europa vor allem für ihren hochwertigen bio-zertifizierten Hochland-Kaffee bekannt ist. Das bescheidene Gebäude beherbergt einen kleinen Laden, wo Kaffee, Fruchtweine und Aloe-Vera-Seifen und -Shampoos – alles aus biologischem Anbau – verkauft werden. Es ist aber auch ein Frauenhaus, wo rechtliche Unterstützung bei Unterhaltsklagen, Sprechstunden für misshandelte Frauen und Alphabetisierungs- und Qualifizierungskurse für Frauen angeboten werden.

Von Frau zu Frau zur Gleichheit

Im Obergeschoss befindet sich ein winziges Büro, wo uns Edith Villanueva, Mitgründerin und Koordinatorin, empfängt und mir von den Anfängen und der aktuellen Arbeit von COMUCAP erzählt, während sie gleichzeitig zwei junge Frauen anweist und motiviert, die gerade aufbrechen, um in einem nahegelegenen Radiostudio das erste Mal alleine eine Sendung von COMUCAP zu moderieren. „Vor zwanzig Jahren, als wir anfingen, Radio zu machen, war ich auch noch so nervös wie meine jungen Kolleginnen hier, heute ist das Routine und ich habe schon viele Kolleginnen eingeschult“, lacht sie.
Angefangen hat es 1993, als eine Gruppe von Frauen in Marcala, viele von ihnen Arbeiterinnen auf Kaffeeplantagen, mit dem Radioprogramm „Von Frau zu Frau zur Gleichheit“ auf ihre Situation, geprägt von häuslicher Gewalt, wirtschaftlicher Abhängigkeit von ihren Ehemännern und diskriminierenden Arbeits- und Lohnbedingungen, aufmerksam machen wollte. Zwei Jahre später entstand aus der informellen Initiative eine formale Organisation.
„Am Anfang wollten wir uns vor allem gegen die Gewalt wehren, der viele von uns permanent in Familie und am Arbeitsplatz ausgesetzt waren. Wir haben darüber berichtet, uns gegenseitig unterstützt, Rechtsberatung organisiert und mehr. Sehr bald sind wir aber draufgekommen: So sehr wir auch die Gewalt anklagen und versuchen, uns dagegen zu wehren, es wird sich nie nachhaltig was ändern, solange wir materiell von unseren Ehemännern, Vätern und den Plantagenbesitzern Plantagenbesitzern abhängig sind“, erzählt Edith Villanueva. „Und so hat sich schnell die Idee zur Gründung der Frauenkooperative durchgesetzt.“
Da das Land traditionell an die Söhne vererbt wird, gehen die Frauen und Töchter in der Regel leer aus. Der Kauf von gemeinsamem Land war daher ein wichtiger Schritt, um den Frauen ohne Landtitel ein eigenes Wirtschaften zu ermöglichen. Mit Spendengeldern konnte COMUCAP die erste gemeinsame, ca. 38 Hektar große Finca erwerben, einige Jahre später waren sie in der Lage, eine weitere Finca, auf der bereits vorher ökologisch angebaut wurde, zu kaufen.

Eigenes Land

Heute hat COMUCAP ca. 260 Mitglieder, die in 16 Gruppen in vier Gemeinden in der Provinz La Paz organisiert sind. Die Besitztitel der Kaffeeparzellen sind in den Händen der Frauen, so wird der Selbstbestimmung und Unabhängigkeit der Frauen eine ökonomische Basis gegeben. Zwischen 30 und 40 Frauen besitzen inzwischen dank der Kleinkredite von COMUCAP sogar eigenes Land. Um den Frauen – viele von ihnen alleinerziehende Mütter – den Verkauf ihrer Waren zu erleichtern und eine größere Zahl an Abnehmer_innen zu erreichen, ist COMUCAP auch eine Vermarktungsorganisation.
Hand in Hand mit der wirtschaftlichen Unabhängigkeit sind Selbstbestimmung und politische Mitbestimmung für Frauen die großen Ziele von COMUCAP. So hat die Organisation 2009 nach dem Putsch des Militärs in Honduras ihre Mitglieder und die Bevölkerung in der Region massiv zum Protest auf die Straße gerufen, ohne sich von den Repressalien des Militärs schrecken zu lassen.
Dass sich die Frauen nicht mehr einsperren lassen und sogar das Heft in die Hand nehmen, sieht Edith Villanueva als einen der Erfolge ihrer Arbeit: „Frauen sind heute Führungspersonen in ihren Gemeinden. Viele Männer ließen das früher nicht zu. Die Tatsache, dass Frauen heute die Freiheit haben, sich weiterzubilden und an Veranstaltungen teilzunehmen, zeigt, wie weit wir gekommen sind.“

Politikerinnenschmiede

Auch wenn Edith, die sich den Spruch “la mujer en la casa, la democracia se atrasa” (siehe Titel) auf die Fahnen geheftet hat, das nie so formulieren würde, scheint die COMUCAP auch eine Art Politikerinnenschmiede zu sein. Allein bei den Parlamentswahlen im November 2014 gingen drei der Kandidatinnen von La Paz zur Abgeordneten im nationalen Parlament aus dieser Organisation hervor – jede von ihnen für eine andere Partei.
María del Carmen Urquía, die für Partido Liberal kandidierte, meinte: „Ohne die Schulungen und Programme zum Empowerment bei COMUCAP und die Unterstützung und Motivation des Frauennetzwerkes wäre es für jemanden wie mich – Frau, Indigene und aus armen Verhältnissen – nie möglich gewesen, im Wahlkampf anzutreten.“ Ebenfalls langjährige Mitstreiterinnen von COMUCAP sind María Enecon Perdomo, die für das Bürgerbündnis PAC als Kandidatin angetreten war, und Miriam Elizabeth Pérez als Vertreterin von LIBRE, der Oppositionspartei, die aus dem Zusammenschluss der Anhänger_innen des 2009 geputschten Präsidenten Mel Zelaya und der sozialen Widerstandsbewegung entstanden ist.
„Ich mache mir keine Illusionen auf einen Parlamentssitz, ich weiß, dass ich keine Chancen habe“, analysierte zwei Wochen vor dem Wahlsonntag María E. Perdomo, trocken und mit einem entwaffnenden Lächeln ihre Situation. „Ich bin blind, und ich setze mich seit Jahren für Menschen mit Behinderung ein. Als PAC anfragte, ob ich mir eine Kandidatur vorstellen könnte, habe ich zugesagt – nicht, weil ich geglaubt habe, ins Parlament einziehen zu können, sondern um Menschen mit Behinderung den Weg für politische Ämter zu öffnen, um mit meiner Kandidatur Vorbild zu sein für die nächste Generation und um das Thema Behinderung auf die Tagesordnung zu bringen.“ 

Ebenso wie María del Carmen, die im Wahlkampf massiv unter der Diskriminierung vor allem durch ihre männlichen Mitstreiter in der eigenen Partei zu leiden hatte und dies auch offen kritisierte, geht María E. Perdomo mit ihrer eigenen Partei hart ins Gericht: „Im Wahlkampf wird das Thema Behinderung immer groß aufgebauscht, und alle Parteien machen öffentlichkeitswirksame Aktionen und spenden für Menschen mit Behinderung. Aber keine der Parteien – auch nicht meine eigene – hat das Thema im Regierungsprogramm.“
Trotz Diskriminierungen, unzureichender Regierungsprogramme und offensichtlich aussichtsloser Wahlchancen stellten sich die drei Frauen engagiert und unbeirrt der politischen Verantwortung auf nationaler Ebene und nützen die Konjunktur, die Anliegen von Frauen, von Menschen mit Behinderung und von Landfrauen sichtbar zu machen und in den öffentlichen Diskurs zu rücken. Damit ist jedenfalls ein weiterer Samen von COMUCAP aufgegangen …

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